Die
3 Favoriten:
Vieles,
vor allem die harten Fakten, also Fundstücke u.ä.
spricht für den Standort Wollin.
Unter Leitung des mittlerweile über 80-jährigen Prof.
W. Filipowiak wurden dort in den letzten 60 Jahren zehntausende
von Fundstücken geborgen, die unwiderlegbar beweisen, dass
im Bereich der polnischen Stadt ein bedeutendes slawisches Handelszentrum
lag. Für seine wissenschaftliche Tätigkeit erhielt
Filipowiak 2009 die deutsch-polnische Auszeichnung Pomerania
Nostra.
Natürlich ist damit noch nicht bewiesen, dass es sich dabei
um das sagenumwobene Vineta handelt - vor allem eben, weil wir
gar nicht wissen, ob die Stadt Vineta überhaupt jemals
unter diesem Namen existiert hat.
Selbst wenn
man von der Existenz Vinetas ausgeht kann man durchaus Zweifel
daran haben, dass Wollin/ Wolin tatsächlich mit der sagenhaften
Stadt identisch ist, denn auch bei Wollin passt nicht alles
so ganz.
Unstrittig (selbst bei den schärfsten Kritikern) ist aber,
dass Wollin/ Wolin ein bedeutendes slawisches Handelszentrum
gewesen ist.
Der Standort
Usedom spielt vor allem im Volksglauben, in Überlieferungen
und Erzählungen eine Rolle. Auch wird gelegentlich der
Peenemüner Goldschmuck
mit Vineta in Verbindung gebracht. Vor Usedom liegend ist Vineta
auch auf alten Landkarten aus dem 17. Jahrhundert eingezeichnet.
Die Überlegung, Vineta vor Usedom zu vermuten, wird genährt
durch die zweifelsfreie Existenz des sog. Vineta-Riffes in der
Ostsee vor der Insel Usedom. Dort fand man Steinformationen,
die als Reste menschlicher Besiedelung gedeutet wurden. Moderne
Autoren halten diese Steinformationen für eine Laune der
Natur.
Solche Launen
der Natur sind ja auch von anderen Orten her bekannt: Die
sog. "Strasse von Bimini" vor der Küste Floridas
(übrigens eine Entdeckung, die eng mit dem Namen von Ch.
Berlitz zusammenhängt s.u.) wird heute von den Geo-Wissenschaftlern
für eine normale BeachRock-Formation gehalten. Auch die
1980 entdeckten angeblichen Reste uralter (Atlantis-) Kulturen
im Gebiet des Ampere Seamount vor der nordafrikanischen Küste
wurden 1985 als so eine Laune der Natur identifiziert und letztlich
gehört auch der Giants
Causeway hierher. Letzterer hatte einfach das Glück,
nicht unter Wasser zu liegen, so dass seine Deutung als Weg
(eines Riesen) von Beginn an im Bereich der Sagen angesiedelt
werden konnte.
Gegen
den Standort Usedom sprechen übrigens auch militär-strategische
Überlegungen: Wegen der Piratengefahr (vor allem durch
die Dänen) wäre die Anlage einer bedeutenden Handelsstadt
an der Ostsee-Aussenküste sehr gefährlich und
unklug gewesen. Haithabu an der Schlei, Ralswiek auf Rügen
und Wolin - alles 3 zweifelsfrei bedeutende slawische Siedlungen
- sind hervorragende Beispiele für eine kluge Lage von
Handelsstädten: alle mit Meerzugang, aber in 2. Reihe gelegen.
Diesen Standort-Vorteil hätte natürlich auch Barth
gehabt.
Der Standort
Barth ist erst seit jüngster Zeit (ca. Ende
der 1990er Jahre) im Gespräch. Auf dem Hintergrund der
vorliegenden (wenn auch vagen) Berichte von Ibrahim Ibn Jaqub
und Adam von Bremen, die Vineta u.a. mit der späteren Hansestadt
Demmin in Verbindung bringen, konstruiert man hier folgende
Möglichkeit: Ein Mündungsarm der Oder soll damals über
Anklam und Demmin nach Barth geflossen sein.
Die Verlegung
der Oder:
Es ist zwar
nicht unmöglich, aber doch recht abwegig, was die wenigen,
wenn auch lauten Verfechter dieser Theorie da propagieren: Die
Vineta-Geschichte ist 'mal gerade 1000 Jahre her; das geschah
nicht im Rahmen der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahren, in deren
Zuge es grosse Veränderungen bei den Landmassen und den
Gewässern gegeben hat.
Natürlich
hat es auch in jüngerer Zeit grosse Veränderungen
im Küstenvorlauf von Nord- und Ostsee gegeben: Vor der
schleswig-holsteinischen Küste sind auch ganze Inseln und
Landstriche versunken (Stichwort "Rungholt"), im Zuge
der "Weihnachtsflut" 1717 ist der Jadebusen bei Wilhelmshaven
völlig verändert worden, die Insel Hiddensee verändert
ihr Aussehen auch heute jedes Jahr sichtbar etc.
Dass aber
ein schiffbarer Mündungsarm der Oder noch vor 850 oder
weniger Jahren einen völlig anderen Verlauf genommen haben
soll (es geht hier um 70 bis 100 Kilometer!), das klingt nun
wirklich alles andere als wahrscheinlich und glaubwürdig.
Rein "technisch"
und geologisch gesehen ist diese Hypothese zwar durchaus vorstellbar,
aber es gibt nicht die geringsten archäologischen Hinweise
und nirgendwo ist eine derart gewaltige Veränderung des
Fluss-Verlaufs erwähnt. Man sollte schon meinen, dass ein
derart wichtiger Flusslauf dann auch in historischen Quellen
kommentiert worden sein müsste. Und es wären auch
archäologische Funde entlang dieses Flusses zu erwarten.
Die Oder-Mündung
bei Hiddensee:
Mit einer
ganz anderen, aber wesentlich realistischeren Theorie kommt
ein damit verwandter Ansatz ebenfalls zum Standort Barth:
Die Oder
bzw. ein Oderarm mündete früher tatsächlich westlich
von Rügen in die Ostsee und zwar praktisch bis Anfang des
12. Jahrhunderts. Das ist ja immerhin relativ nahe bei Barth.
Sogar anlässlich des Oder-Hochwassers 1997 glaubten Fischer
und Unterwasser-Archäologen erkannt zu haben, dass ein
Teil des abfliessenden Oder-Wassers über den Peene-Strom
(zwischen Festland und Usedom) und dann durch den Strelasund
(der Rügen vom Festland trennt) bis in die Gegend der Insel
Hiddensee (westlich von Rügen) geflossen ist. Satelliten-Bilder
von 1997 sollen diese These stützen.
Gegen die
Standort-Barth-Theorie spricht vor allem, dass absolut gar nichts
an Fundstücken vorzuweisen ist.
Klaus
Goldmann und Günther Wermusch - die Autoren der neuen Theorie:
Die Theorie
wird von dem Autoren-Team Klaus Goldmann und Günther Wermusch
vorgetragen. Dabei bedienen sich die Autoren einer mehr als
abenteuerlichen "Beweisführung", die sich ausschliesslich
auf die Auswertung und Neu-Interpretation der sowieso spärlichen
und unzuverlässigen schriftlichen Quellen und eine gewagte
sprachwissenschaftliche Deutung der dort verwendeten Namen stützt.
Die Gefahr
bei dieser Theorie:
Man müsste diese ganze Spekulation wohl gar nicht ernst
nehmen, wenn da nicht die Gefahr bestände, dass die vertretenen
Thesen von anderen unkritisch übernommen bzw. abgeschrieben
werden und eines Tages als Wahrheit dargestellt werden. Immerhin
zieht sich diese Form der "Beweisführung" auch
durch das ganze Buch: In einem Kapitel wird eine Behauptung
aufgestellt, die dann im nächsten schon als bewiesen dargestellt
wird und als Ausgangspunkt für die nächste These genommen
wird. Eher Bildzeitungs-Stil, statt Wissenschaft, aber auch
die Bildzeitung ist ja durchaus meinungsbildend . . .
Wir sehen
uns deshalb genötigt, auf diese "neue Theorie"
noch weiter einzugehen: Die Schöpfer dieser neuen Theorie
sind Klaus Goldmann und Günther Wermusch und alleine das
lässt Zweifel aufkommen:
Zu K.
Goldmanns wissenschaftlicher Integrität wollen wir
nichts schreiben; er wurde immerhin 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet (allerdings nicht für seine wissenschaftlichen
Arbeiten...).
G. Wermusch
allerdings gilt sicherlich nicht gerade als beste Referenz für
seriöse Forschung. Bekannt ist er als verbissener Bernsteinzimmer-Sucher
(er war schon in der DDR im Rahmen der "Operation Puschkin"
Berater des obersten staatlichen Bernsteinzimmer-Jägers
Dr. Paul Enke), der es versteht, in schnellem Wechsel mit immer
neuen Theorien zu überraschen.
Vom Namen
Wermusch gibt es eine direkte gedankliche Assoziation zu Leuten
wie dem Schriftsteller E.von Däniken oder zum Namen Berlitz
(1914 - 2003), dem Mann mit dem Bermuda-Dreieck. Wie Ch. Berlitz
bezeichnet sich auch Wernusch als Sprachforscher (wobei Berlitz
tatsächlich ein hervorragender Linguist war), beide beschäftigen
bzw. beschäftigten sich unentwegt mit Rätseln und
Geheimnissen. Beide werden von anderen eher als Abenteurer bezeichnet.
Das
Demmin-Problem:
Kein einziger
der zahlreichen Vineta-Autoren hat übrigens eine plausible
Erklärung für die Behauptung des Haupt-Chronisten
Adam von Bremen, dass man von Vineta in kurzer Zeit nach Demmin
rudern könne. Weder Barth noch Wolin liegen in der Nähe
von Demmin - zumindest, solange man annimmt, dass Adams Demmin
identisch ist mit der heutigen Demmin. Wenn aber Adam von Bremen
derart grob geirrt haben sollte, dann ist sein ganzer Bericht
unglaubwürdig . . .
Worum
es wirklich geht:
Letztlich
ist es wohl ziemlich gleichgültig, wo dieses Vineta gelegen
hat. Es geht (zumindest bei den Standorten Barth und Usedom)
weniger um Wissenschaft, als vielmehr um den Mythos Vineta
und seine touristische Vermarktung.
Dazu vielleicht
ein Hinweis am Rande: Die Stadt Barth hat schon in der ersten
Jahreshälfte 1998 mit der touristischen und allgemeinen
Vermarktung von "Vineta" begonnen - lange bevor das
Buch erschien, in dem erstmalig die Vineta-Barth-Theorie dargestellt
wurde. Das ist denn schon eine merkwürdige zeitliche Abfolge.
Das Goldmann-Wermusch-Buch als Auftragsarbeit, um die Region
ins Gespräch zu bringen? Nicht so unglaublich und immerhin
schreiben die Autoren selbst: Wenn man geahnt hätte, "was
das Städtchen vor einem Jahrtausend gewesen war, wäre
es zu einer wahren Pilgerstätte geworden."
Nun, zu
einer Pilgerstätte der Archäologen und der Touristen
ist die Stadt Barth trotz des Buches nicht geworden und auch
das dort ansässige Vineta-Museum
gibt dazu einfach nicht genug her. Aber die Stadt entwickelt
sich auch ohne Vineta in den letzten Jahren ganz gut und das
wollen wir ihr auch unbedingt gönnen.
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"Die
Lösung eines Rätsels ist immer weniger interessant als
das Rätsels selbst. Rätsel haben etwas Übernatürliches
und sogar Göttliches - die Lösung aber ist immer nur Handwerk."
(Jorge Luis Borges, argentinischer Schriftsteller 1899-1986)
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